Tagebuch – jetzt vor 30 Jahren

  • 13. Juni 1996

    13. Juni 1996

    (17 Jahre Erich Anders!)

    Mein Geburtstag. Ein easy Day, nichts besonderes aber. Obwohl ich eine Sechs im Aufsatz zurückbekommen habe.

    In ihrem Aufsatz hat Ronja über sich selbst geschrieben, genauso wie ich. Sie hat erzählt, wie sie versucht, ihre Mutter zu finden, sie ausfindig zu machen. Ihre leibliche Mutter meine ich. Natürlich hat sie gesagt, dass es um «ein adoptiertes Mädchen, das seine Mutter sucht» geht. Sie weiss ja nicht, dass ich und Benni davon wissen. Erst wenn sie es mir erzählt, weiss ich, dass sie mir vertraut. Ich hoffe, dass sie das irgendwann mal tut, ich vertraue ihr jedenfalls bedingungslos! Aber ich liebe sie ja auch!

    Ronja und Joana haben mir zum Geburtstag einen Kuchen gemacht und ein Kärtchen gegeben. Von Benji und Michael habe ich als Verarschung ein Buch von Pur (peinliche Musikgruppe, die aber eigentlich recht gute Musik produziert) bekommen. Das hätte ich nie erwartet, ich habe mich wirklich wahnsinnig gefreut! Trotz allem, Benji und vor allem Michael sind voll in Ordnung!

    Liebä Erich
    Mir wünsched Dir genau so vill Glück zu Dim 17! Geburtstag, wie das chline Zwergli «Happy» uf däre Charte hätt. Mir hoffed natürlich, dass mir irgendwänn idä NBA müend go sueche, wänn mir Dir wänd, so wie jetzt, zum Geburtstag gratuliere… Also gnüss dä Tag, dänn vor genau 17 Jahr bisch Du (!) uf d’Wält choo! Vili liebi Grüessli und Küssli, Joana und Ronja

    Ich wünschte mir im Moment so sehr, dass Ronja anruft, ich wünschte es so sehr! Aber wahrscheinlich wird dieses Telephon heute Abend ausbleiben. Ich muss in Zukunft einfach versuchen, jede Sekunde mit ihr mehr auszukosten!

  • 12. Juni 1996

    12. Juni 1996

    Heute habe ich mit Joana telephoniert, ich habe mit ihr jetzt übrigens wieder etwas mehr Kontakt. Obwohl ich sie wirklich sehr gerne habe, frage ich mich ernsthaft, wie ich das Gefühl haben konnte, ich könnte mich in sie verlieben. Sie hat mir gesagt, dass ich Ronja überhaupt nicht kenne. Ich glaube (und hoffe), dass sie sich da gewaltig irrt! Oder kann es sein, dass ich mich in eine Fremde verliebt habe?

    Seit Benji und Michael einfach mein Velo genommen haben (dieses ist ja inzwischen gestohlen worden), habe ich irgendwie ein schlechtes Gefühl bei ihnen. Besonders gegen Benji habe ich eine gewisse Abneigung entwickelt, zumindest im Moment. Bisher habe ich ihn immer bewundert, zu ihm aufgeschaut, aber jetzt kann ich das nicht mehr!

  • 6. Juni 1996

    6. Juni 1996

    (Brunos 18. Geburi)

    Manchmal frage ich mich ernsthaft, wofür ich lebe. Ich denke über meinen Lebensinhalt nach… und finde… nichts! Jedenfalls nichts, was nicht nur auf den ersten Blick so wichtig ist. Ronja ist nicht in mich verliebt und sie wird es nie sein. Ich glaube nicht mehr an Wunder. Das Schrecklichste ist, dass ich mit absolut niemandem darüber sprechen kann! Die einzige Person, zu der ich genug Vertrauen hätte, ist Ronja selbst. Und genau ihr darf ich es nicht sagen. Ach, wie gerne würde ich mich jetzt einfach besaufen oder bekiffen. Manchmal hasse ich das Leben, obwohl ich eigentlich gar kein Recht dazu habe.

  • 3. Juni 1996

    3. Juni 1996

    Gott, warum? Warum kann ich nicht dieses Glück haben? Ich geb‘ mir doch alle Mühe, ein netter Kerl zu sein! Aber leider reicht das manchmal nicht, ich bin halt einfach niemand, in den man sich verliebt. Schon gar nicht ein Mädchen wie Ronja. Ich würde es ihr so gerne sagen! Aber ich darf nicht! Es darf nicht sein! Was würde es schon ändern? Ich möchte immer mit ihr zusammen sein, ich bin so verrückt nach ihr! Ich will den Rest meines Lebens mit ihr verbringen! Aber leider bin ich halt nur «dä Anders», scheisse, nich‘!?

  • 1. Juni 1996

    1. Juni 1996

    Scheisse, schon wieder lässt mich dieser verdammte, völlig idiotische Gedanke nicht in Ruhe. Das Problem ist einfach, dass es so verdammt schön wäre. Ich weiss, dass es unmöglich ist, ich werde sie nie im Arm halten können, aber der Gedanke daran bringt mich beinahe um. Ich weiss nicht, was ich tun soll! Wiedermal. Ich möchte es ihr so gerne sagen, aber was würde das alles zerstören? Soviel wie bei Martina? Aber ich werde es ihr in Frankreich sagen, aber erst, wenn ich mir ganz sicher bin, wenn sich nichts ergibt. Aber was bringt es dann noch, ich werde es ihr am besten gar nicht gestehen. Das einzige, was ich jetzt noch tun kann, ist beten, dass das Unmögliche möglich wird, dass sie sich in mich verliebt! Denn eines weiss ich mit Sicherheit, im Moment ist sie nicht in mich verliebt.

    Ich weiss nicht wieso, aber ich fühle mich scheisse, so ohne Power. Nicht mal zum Basketball habe ich Lust! Nicht auf meine Kollegen und auch nicht auf Musik von den Fantastischen. Alle Weisheiten und Philosophien nützen nichts. Der Mensch kann tun, was er will, aber nicht wollen, was er will! Und ich will Ronja, niemanden und nichts sonst!

    Diese Sonne [Abbildung einer Sonne auf einem Kartonschnipsel] hat sie mir übrigens geschenkt, damit ich «trotz dem nicht ganz so guten Wetter baden gehen könne».

  • 31. Mai 1996

    31. Mai 1996

    Ronja… äh, ne, natürlich Benni und Benji sind der Meinung, ich soll mich doch «an sie ran machen» bzw. «sie fragen». Mit «sie» ist Ronja gemeint, man hat scheinbar jetzt doch gesehen (ich weiss nicht wer es alles gemerkt hat), dass ich recht viel von Ronja halte. Ich glaube, ich könnte mir diese Gefühle ausreden, wenn sie nicht so verdammt hübsch wäre! Und zu allem Überfluss kommt sie auch noch unheimlich sexy angezogen (kurzer Rock) in die Schule. Ausserdem wünschte ich mir nichts mehr, als sie als Freundin zu haben, ich könnte tagelang mit ihr plaudern, sie dazu im Arm zu halten, wäre das Schönste auf der Welt! Auf Bennis und Benjis Ansporne habe ich übrigens mit einem «denkst du, ich verarsch mich selbst, nee danke!» geantwortet. Ronja ist unheimlich lieb und eines der hübschesten Mädchen, die ich je gesehen habe, trotzdem lassen wir das Wort «Liebe» im Moment besser noch aus dem Spiel.

    Ach ja, ich war heute übrigens das erste Mal wieder im See schwimmen. Es war zwar recht kalt (das Wasser), aber es wird Sommer (oder ist schon!) und das ist schliesslich die Hauptsache!

  • 28. Mai 1996

    28. Mai 1996

    Manchmal kann ich einfach nichts dagegen tun, manchmal habe ich wirklich, ernsthaft das Gefühl in Ronja verliebt zu sein. Aber was viel schlimmer ist, manchmal denke ich, dass es sein könnte, dass sie sich vielleicht doch noch…

  • 26. Mai 1996

    26. Mai 1996

    Es ist schon unglaublich, wie Musik eine Zeit völlig aufsaugen kann. Wenn ich die Kuschelrock 8 höre, ich meine, bewusst höre, dann habe ich das Gefühl, es sei Weihnachten 94. Ich rieche die Kerze, die in meinem Zimmer gestanden hat. Ich höre Simone, ich spüre einen Hauch von Glück. Es war eine sehr schöne Zeit, auch wenn ich mir dessen damals nicht so recht bewusst war.

  • 22. Mai 1996

    22. Mai 1996

    Ich bin im Moment ein wenig, d.h. was heisst hier ein wenig, ich bin auf der Suche nach mir selbst. Wer bin ich und wer will ich sein (um es mit den Worten der Fantastischen zu sagen)? Ich weiss, ich höre mich fast schon wie Benji an, aber was solls?

    Arme Joana, sie steht tatsächlich auf Benji. Ich fände es «supi», wenn sich zwischen ihnen etwas ergeben würde, aber es sieht sehr, sehr schlecht aus! Aber vielleicht tut es Joana mal ganz gut, dass es ihr gleich geht wie mir, das mit dem unglücklich verliebt sein, meine ich. Ach ja, Ronja sieht wirklich unglaublich aus, vor allem auch ihre Figur. Ich glaube, sie geniesst es, begehrt und angeschaut zu werden. Doch genau das ist einer der Punkte, die ich an mir ändern will: Mit dem Kopf denken. Aufs Gesicht schauen (wenn schon aufs Äussere schauen, was sich übrigens einfach nicht verhindern lässt) und nicht auf die Brüste und den Arsch (sorry wegen des «unschönen» Ausdrucks).

  • 21. Mai 1996

    21. Mai 1996

    Das Leben ist manchmal hart, wirklich verdammt hart! Doch wie heisst es so schön: Alles was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Da ist was Wahres dran!

    Im Moment sieht es so aus als würde mein sehnlichst erwarteter Frankreichaufenthalt ins Wasser fallen, vielleicht besser so. Wenn es nur nicht alles noch sinnloser machen würde. Aber wie sagte Benji: Wäre das beste nicht auch am Negativsten das Gute zu sehen? Das Gute am Leben? Es selbst. Und wenn ich gar nicht mehr weiss, was mich am Leben hält, so wird es der Gedanke daran sein, dass auch ich irgendwann ein Mädchen «haben» werde, der mir das Leben rettet.